Exposé von S. Ulbrich - Galerie Kontrapost

IVONNE KLAUSS
"Im Leben"
GALERIE KONTRAPOST, Leipzig
12.11.2008 bis 09.01.2009


Ivonne Klauß, 1979 in Wolfen geboren, lernt den schöpferischen Umgang mit dem Material Holz von Grund auf. Zunächst die Tischlerlehre in Bitterfeld, danach die Ausbildung zur Holzbildhauerin in Bischofsheim und schließlich, von 2000-2005, das Studium der Bildhauerei bei Prof. Monika Brandmeier an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. Seit 2006 lebt und arbeitet sie als freischaffende Bildhauerin in Leipzig.
Der Mensch, die menschliche Figur, steht im Zentrum ihres Interesses: Vollplastisch herausgearbeitet, mit dem Stechbeitel in den Stamm hineingehauen. Farbig gefasst, oder auch nicht. Auf jeden Fall rundumansichtig, aber doch für den Frontalanblick gemacht. Oder festgehalten in der Fläche, in unspektakulärem geleimten Holz als Träger – manchmal sind es auch Frühstücksbrettchen: da wird die Kunst zur Nahrung, zum täglichen Brot. Mit dem Kerbschnitt und sicherer Linie ins Holz gezeichnet, nur durch einen V-förmigen Graben vom Hintergrund, vom umgebenden Raum getrennt. Mit Farbe versehen, aber ohne Schattierung. Eine sehr eigene Mischung aus Bildhauerkunst und Malerei. Die Bezeichnung „Relief“ („das Hervorgehobene“) greift nicht vollkommen, und doch sind die Figuren vom Grund abgesetzt, auch wenn sie sich nicht über ihn erheben. Fast eine Verschmelzung der Figur mit dem Raum – auf einer Ebene, aber scharf konturiert durch den Graben dazwischen. Als müsse sie erst den Raum verdrängen. Das wiederum ist Plastik: die Besitzergreifung des Raumes.
„Im Leben“ ist die Ausstellung überschrieben. Auf der Einladungskarte zwei Boxer im Ring. Der eine fällt gerade, scheinbar im letzten Versuch, seinen Gegner mit einem Griff um den Kopf zu bezwingen. Doch der schlägt an empfindlicher Stelle zu. Im Hintergrund die Farbe Blau. Das ist die Kampfmatte. Blau als Farbe der Götter. Die Farbe des Himmels und des Meeres. Unendliche Höhe. Oder dunkle Tiefe.
Boxen – nicht jedermanns Sache. Und doch greift dieser Sport auf den Alltag über: sich durchboxen, jemandem einen Hieb verpassen, mit dem blauen Auge davonkommen, das Handtuch werfen, k.o.-sein. Und Schläge unterhalb der Gürtellinie sind auch nicht mehr tabu. Boxen – ein Großereignis. Da wird trainiert, spekuliert, gemanagt, geworben, investiert und wer weiß. Im Ring aber Einsamkeit und Verlassenheit. Da blickt man dem Schlag direkt ins Gesicht. Nur keine Schwäche zeigen. Den Rippenbruch ignorieren, denn es geht ums Ganze. Da stirbt jeder für sich allein – nur das Publikum nicht enttäuschen.
Boxen als Metapher für das Leben.
Aus dem Leben gegriffen sind die Gestalten von Ivonne Klauß: Der Blick der Künstlerin aus dem Fenster, auf die Straße – nicht auf die Mädlerpassage. Hier muss sie nicht suchen. Hier findet sie ihre Sujets. Passanten ziehen vorbei. Und es passiert viel auf der Straße. Die Straße als authentischer Laufsteg: Hier schwingt man den Einkaufsbeutel, weniger die Hüfte. Hier läuft jeder nach seiner Fasson – und mit der Kleidung, die ihm passt, auch wenn’s daneben ist. Vom Alltag gezeichnete Figuren. Da schleppt jeder sein eigenes Paket. Da ziehen Welten aneinander vorbei.
Die Art, wie jemand geht. Die Art, wie jemand steht. Körperhaltung. Geisteshaltung. Was hält man eigentlich fest im Leben? Und manch einer wird vom Hund gehalten.
„Der Zustand des Daseins während des Vorübergehens“ beschäftigt die Künstlerin. Das Wesen eines Menschen erfassen, das sich für Ivonne Klauß wohl eher über die jeweilige Körpersprache als über die Physiognomie erschließt. Dabei geht es immer um den Einzelnen, um das Individuum. Selbst wenn Figuren zur Gruppe gefasst werden, steht doch jede Person für sich.
Und wo bleibt man stehen? Im Museum zum Beispiel. Kunstbetrachtung. Die Angst, etwas Falsches zu sagen. Fatal. Oder den Künstler nicht mal zu kennen. Noch schlimmer. Wie gibt man sich da? Was gibt einem die Kunst? Menschen im Museum. Von hinten zu sehen. So sollte es sein. Durch die Kamera der Bildhauerin im scheinbar unbeobachteten Moment festgehalten. Mit sicherem Blick fürs Wesentliche, mit präzisem Schnitt ins Holz übertragen und selbst zum Kunstwerk geworden. Menschen von hinten – egal, an welchem Ort. Sie wecken die Neugier des Betrachters und fordern dessen Fantasie, das jeweilige Gesicht selbst zu kreieren.
Sich ein Bild von jemandem machen.
Vielleicht kennen, vielleicht erkennen Sie ja den einen oder anderen …
Susanne Ulbrich